Freitag, 15. April 2011

Locus Comenius

Brunett ist toll. Kaum aus dem Büro heraus, einmal schnell durch den Supermarkt geflitzt, stellt sie ein imposant nach Paprika duftendes Gericht auf den Tisch als hätte sie alle Zeit der Welt gehabt für uns zu kochen.  Die roten und grünen Schoten schmoren in einer würzigen Brühe, darüber dünstet Fisch.  Auch der Spinatsalat sieht aus, als wäre er mit Weile zubereitet, doch es sind Champions, Kürbis- und Pinienkerne. Zwischen zwei Sorten Weißwein auszuwählen ist nicht einfach, aber die Gräfin weiß, dass sie keinen Silvaner will. Und tatsächlich, er ist blass im Abgang, geradezu unscheinbar trotz seiner 13,5 Prozent. Mit weißem Burgunder sind wir auf der sicheren Seite, den Fisch spülen wir glatt runter. Weil Schenny kurzfristig nicht kommen konnte, ist Brunetts Nachbarin da, sozusagen nachgerückt. Sie lacht herzlich und erklärt uns das mit den böhmischen Glaubensflüchtlingen, die sich in Rixdorf im Comeniusgarten versteckt haben. Herausgelockt hat sie die Harfenjule, die mit ihrem Instrument wie der Flötist von Hameln immer eine Schar Kinder hinter sich her zieht, Maiglöckchen im Haar.

Dienstag, 12. April 2011

Kaisergranat

Der Lachs der Gräfin hat die Farbe eines Kaisergranats im Sonnenuntergang. Durchzogen von weißen Linien, die den Fisch charakteristisch machen, ist er außerdem umwickelt von hellem Kraut mit Sauerrahm. Das blasse Püree ist eine Mischung aus Kartoffeln und Sellerie. Ein Traum, den Brunett und ich auch noch zum Nachtisch löffeln, denn jetzt schmeckt es plötzlich süß, wie hat die Gräfin das hingekriegt? Tatsächlich gibt es aber zum Dessert süße marokkanische Orangen mit Minzricotta. Da wundert es mich nicht, dass wir direkt in eine aufgeregte Reiseberichterstattung übergehen: Lissabon, Barcelona, Gozo. Nottie möchte ihren nächsten Geburtstag in Australien feiern, weil sie da noch nie war. Wir stellen fest, dass wir alle noch nie in Australien waren und in unserer geistigen Bratpfanne brutzeln schon Känguruschnitzel, Oppossumfilet und Schlangenspieße. Begeistert plant Diane mit uns den Segeltörn von Sidney nach Hobart, auf dem zwar schon viele Spaßseglerinnen in der tobenden See verlorengegangen sind, aber welche von uns wollte nicht schon immer zehn Meter hohe Wellen hautnah erleben?

Freitag, 18. März 2011

Himmel und Ääd II

Nottie kocht für uns eine  Variante von Erdäpfelpüree und Würstchen, begleitet von süßem und scharfem Senf, Rucolasalat mit Schafskäse und Rumtopffrüchte mit Vanilleeis. Brunett und ich spachteln, denn wir haben angesichts fortlaufender Teammeetings über den ganzen Tag nur Äpfel gegessen, keine Chance davon satt zu werden. Das Püree ist weich, die gebratenen Zwiebeln glasig und die Röstaromen der kleinen Nürnberger bringen uns um den Verstand. Aber nur kurz, denn wie immer diskutieren wir plötzlich hochintellektuelle Themen wie die Absurdität einer Funkerinnenprüfung im digitalen Zeitalter. Diane erklärt uns wie die Funkanlage auf einem Boot funktioniert und wie kompliziert es ist, sie zu bedienen. Im Notfall einfach „HELP“ in das Mikrofon zu brüllen, nützt nichts, denn auch in Seenot muss sich die Seglerin an die Regeln halten.  Hilferufe werden in Englisch und in sprachlich angemessener Näherung an die vermutete Notlage durchgefunkt, da braucht es linguistisches Geschick und die Beherrschung eines Katastrophenvokabulars. An Deck selbst schreien sich alle aber in der Landessprache an, da heißt es neuerdings nicht mehr „Mann über Bord!“, sondern „Person über Bord!“, was wir durchaus für eine Errungenschaft der feministischen Sprachwissenschaft halten. Wahrscheinlich sagt das aber nach der Prüfung niemand mehr und es gehen in der Praxis weiterhin nur Männer über Bord.

Montag, 28. Februar 2011

Goldfisch

Vor dem letzten Teil der Stieg Larsson Verfilmung essen wir Nudeln mit Lachs. Schenny hat auch Mangold angedünstet und es ist die Nacht der Oscars. Diane hat schon fast alle Filme gesehen, sie schaut Filme wie Leute essen. Da kommen Nottie und ich gar nicht nach. Aber das liegt auch daran, dass ich zurzeit ausschließlich West Wing schaue und nichts genauso gut ist. Diese US-Serie wurde nie ins deutsche Fernsehen geholt. Die Handlung spielt fast ausschließlich im Weißen Haus und die Hauptakteur/innen sind das Berater/innenteam des Präsidenten. Obwohl sie fast ausschließlich nichts anderes tun als rund um die Uhr zu arbeiten, was ich beim US-Präsidenten irgendwie nachvollziehen kann, denn ich selbst arbeite auch schon fast immer, wenn auch nicht für ihn und er ist ja irgendwie eine zentrale Figur in der Weltpolitik. Anyway, die Serie wurde nie synchronisiert und ohne die hilfreichen englischen Untertitel würde ich fast nichts verstehen. Die Dialoge sind rattenschnell, aber ungeheuer witzig, selbst dann, wenn ich nicht alles verstehe. Diane geht dafür ins Kino und guckt OmU: True Grit, The Kings Speech, The Kids are alright. King heißt ja König und gesprochen wird das wie Könich. Das ist die korrekte Aussprache, und wer nicht Könich sagt, kann die deutsche Sprache nicht korrekt sprechen. Habt ihr das gewusst? Wir gebürtigen Süddeutschen sagen ja eher Könik, nur Brunett lacht darüber, weil sie aus Göttingen ist. Lustich.

Sonntag, 27. Februar 2011

Papa Alfa Papa Romeo India Kilo Alfa

Inspiriert von einer Häufung an Zufällen, bei denen es um gefüllte Paprika geht, bereite ich gefüllte Paprika zu. Das ist ein gutes Essen. Bodenständig, einfach und ehrlich. Ich habe keinen Schnickschnack veranstaltet, sondern ganz normal grüne, rote und gelbe Schoten genommen, sie von ihren Kernen befreit, mit Hackfleisch gefüllt,  die Deckelchen wieder aufgeschraubt und ab in die Pfanne zum Schmoren. Etwas Brühe habe ich angegossen, damit es genug Soße gibt. Dann Patnareis gekocht. Der intensive Geruch nach gedünsteter Paprika hat eine enorme Wirkung auf unsere Geschmacksnerven. Ich merke schon als Diane und Schenny kommen, dass sie unbewusst ihre Lippen lecken. Ohne große Vorrede fangen wir sofort an zu essen. Die bitteren Aromen, das Fleisch, die würzige Brühe – das sind kleine Glücksmomente, Mama, danke, dass du das früher immer gekocht hast und dass ich das nicht vergessen habe. Auch meine Kinder werden gefüllte Paprika kochen und so weiter. Wie wir auf das Gespräch übers Buchstabieren gekommen sind, weiß ich nicht mehr, nur dass mich das altmodische Anton Ärger Berta Cäsar spätestens bei Siegfried und Theodor total nervt und ich das NATO-Spelling viel lustiger finde. Diane kann sogar mehrere Buchstabiersprachen. Ich bin immer wieder beeindruckt über unsere vielfältigen Talente und Fähigkeiten.

Mittwoch, 16. Februar 2011

eating out II

Keine kocht, also gehen Nottie und ich nach nebenan zum Veganer. Obwohl das Lokal souterrain liegt, also unter der Erde, ist es kuschelig warm. Draußen pfeift der eiskalte Wind aus den arktischen Steppen der äußeren Mongolei wie Wolfsgeheul. An den Tischen sitzen Pärchen, die sich beim Essen fotografieren. Unsere Bedienung hat türkisfarbenes Haar. Wir lassen uns inspirieren und bestellen farbenfrohe Gerichte: Geschmorte Rote Beete mit Sesamsaat und Kürbispüree, Flammenkuchen mit Räuchertofu und goldenen Zwiebeln. Dazu Riesling. In diesen kalten Tagen tun wir uns was Gutes, spätestens nach der Arbeit. Obwohl - ich war heute sogar zweimal auswärts essen und finde nichts daran übertrieben. Mittags habe ich ein Erbsenrisotto mit Lammfiletspitzen zu mir genommen. Zum Nachtisch Marillenknödel mit zwei Löffeln und Espresso. Bei dieser Kälte brennen die Kalorien nur so weg. Da reicht schon der Weg zu Fuß vom Büro nach Hause und schon habe ich wieder Appetit.

Donnerstag, 3. Februar 2011

Linsensuppe, die Zweite!

Es heißt, die klassischen Eintöpfe schmecken aufgewärmt am besten. Nottie weiß das natürlich. Und weil sie die Suppe bereits am Vorabend gekocht hat, nochmal etwas geschärft und nachgewürzt hat, so dass das erdige Aroma von Nelken aufsteigt, ist der Genuss perfekt. Die kleinen Basilikumblättchen parfümieren die sämig samtige Komposition – wir schaufeln unladylike zwei dicke Portionen in uns rein, schließlich ist es nasskalt draußen und wir haben den ganzen Tag in zugigen Büros verbracht. Könnten wir nach Beendigung des Mahls schnurren wie Katzen, wir würden es tun, uns das Maul lecken und ungeniert gähnen. Aber wir sind ja keine Tiere, sondern von den patriarchalen Strukturen benachteiligte weibliche Wesen, die endlich eine Frauenquote wollen, damit Schluss ist mit der Ungleichbehandlung. Brunett meint, dass sie sich nicht erinnern kann, dass die Frauenquote jemals so lange ernsthaft diskutiert wurde. Sogar die Kanzlerin hat ein Machtwort gesprochen: allerdings gegen die Quote und nicht persönlich, sondern sie hat ihren männlichen Regierungssprecher geschickt. Tja, Steffen Seibert, das ist die Schattenseite der Karriereleiter – aber vielleicht findet er die Frauenquote ja auch blöd – so rein persönlich als Mann.